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 | 20.05.2024

Perspektivwechsel – 4 Fragen an:  

Tom Grom, ESA Instructor (ISS Crew und Bodenpersonal), COLUMBUS Simulation Director (LSE Space)

 

Von Alexandra Namyslowski

„The Blue Marble"  – Aufnahme von Apollo 17 am 07.12.1972

 

Tom, wir haben uns in meinem Auto kennengelernt, als ich Dich über die Mitfahrgelegenheiten-Plattform BlaBlaCar von Franken nach München mitnahm. Als Du mir erzähltest, dass Du beim DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) arbeitest, war ich vor Begeisterung kaum zu halten. Noch begeisterter war ich, als Du mir sagtest, dass Du gar keinen „klassischen” Wissenschafts- oder Ingenieurshintergrund hast, denn ich wollte Astronautin * werden – bis ich mit 14 eine Dokumentation über die damaligen Eignungstests inkl. Belastungstests in einer Zentrifuge bis zur Bewusstlosigkeit sah. Wie bist Du zum DLR gekommen?

Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt einfach unheimliches Glück, dass einige meiner Fähigkeiten und Kenntnisse, die ich in Agenturen sowie in verschiedenen Tätigkeiten der PR- und Kulturbranche sammeln konnte, genau dort gebraucht wurden. Mit „dort“ meine ich das Training für das europäische COLUMBUS Projekt.  

 

Du kommst aus der Werbe- / Kommunikationsbranche. Was hast Du aus dieser Branche mitgenommen und wo gab es bei Dir einen Perspektivwechsel?

Zunächst musste ich mich selbst bei einem anspruchsvollen on-the-job Training bewähren, bei dem ich lernte, Forschungs-Satelliten zu überwachen und zu steuern. Zusammen mit anderen habe ich dann ab 2005 für das DLR und die ESA (European Space Agency – die Organisation zur Zusammenarbeit in Europa auf dem Gebiet der Weltraumforschung und kommerziellen Nutzung des Weltraumes) Schulungseinheiten für das Bodenpersonal des COLUMBUS Weltraumlabors entwickelt – und durchgeführt. Rein von der Sache her war das tatsächlich ein radikaler Perspektivwechsel. Hier geht es nicht um die Vermittlung von Kunstinhalten oder gar manipulativer „Verkaufsargumente“. Jetzt muss ich Ingenieuren „Space Operations“ beibringen und sie darin schulen die Astronaut:innen auf der ISS vom Kontrollraum aus fehlerfrei und möglichst effektiv zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise auch, dass man fehlerfrei und effektiv kommunizieren kann: Untereinander, mit den Kollegen der NASA (National Aeronautics and Space Administration) und mit der Crew.

 

Als Du mir im Auto dieses Foto von Tracy Caldwell Dyson zeigtest, hatte ich Tränen in den Augen, da es mich so rührte:  

Foto: NASA

Bis in die Nacht hinein musste ich über diesen An- und Ausblick nachdenken. Mein Vater, ein Psychiater, meinte, dass ich wohl einen Mini „Overview Effekt” hatte.  

Mit Overview-Effekt wird die Erfahrung beschrieben, die Astronaut:innen machen, wenn sie zum ersten Mal den blauen Planeten aus dem Weltall sehen. Sie verändert die Perspektive auf den Planeten und die Menschheit. Grundlegende Merkmale sind ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt. Der Begriff wurde 1987 durch das gleichnamige Buch von Frank White geprägt.

Einen zweiten hatte ich, als Du mich beim DLR in Gilching auf die Zuschauerbrücke genommen hast und ich in den ISS Kontrollraum hinunterschauen konnte. Die Astronaut:innen bei Experimenten und in ihren Bewegungen beobachten zu können (9 Kameras links auf dem Bild) sowie ihre straffen Stundenpläne auf den Bildschirmen (rechts im Bild) zu sehen, war faszinierend. Ich dachte, dass das Herunterblicken durch die Glasscheibe in den Kontrollraum das nächste ist, das ich den Astronaut:innen komme.

Aber als Du mich dann runter in eben diesen Kontrollraum mitgenommen hast, hat es mir Sprache verschlagen. Diese 11 Menschen 400 Kilometer über uns zu sehen und die Möglichkeit rein theoretisch mit ihnen kommunizieren zu können, war unglaublich.
Wie würdest Du den Overview Effekt in Deinen Worten beschreiben?  

Da kann ich nur unseren deutschen ESA Astronauten Alexander Gerst zitieren: „Das ist einfach grandios! Es ist ein magischer, großartiger Blick auf unsere Erde“. Tatsächlich sagen alle, die diesen Blick genießen durften, dass dieser Ausblick demütig macht und wirklich jeder und jedem die Einzigartigkeit und die Zerbrechlichkeit unseres Planeten bewusst macht. Hier zeigt Alexander Gerst den Ausblick aus der sog. Cupola – dem kuppelförmigen Fenster-Modul auf der ISS.  

Der ehemalige Astronaut Leland Devon Melvin fand in der Doku-Serie One Strange Rock ähnliche Worte: „Es ist so unfassbar schön, dass man eigentlich neue Wörter bräuchte, die das beschreiben können.” Wer Eindrücke weiterer Astronaut:innen sehen möchte, sei die NASA Doku „Down to Earth: The Astronaut’s Perspective” empfohlen. Es ist berührend und atemberaubend.

 

Die ISS hat eine bemannte Spannweite von 100 Metern. Warum funktioniert die Zusammenarbeit da oben in 400 Kilometer Höhe so gut und warum tun wir uns hier unten so schwer? Liegt es am gemeinsamen Ziel und das klar ist, dass Menschen – gerade auf diesem kleinsten Raum – aufeinander angewiesen sind?

Ja, so ist es. Die Station ist so aufgebaut, dass verschiedene Kontrollzentren nationaler Weltraum-Agenturen zusammenarbeiten müssen. Man stelle sich zum Beispiel einen Schwelbrand vor, ausgelöst durch einen Kurzschluss. In einem Labor auf der Erde würde der Rauch irgendwann zur Decke steigen und einen Rauchmelder auslösen. Auf der Raumstation steigt jedoch kein Rauch zur Decke – es herrscht Schwerelosigkeit. Zwar gibt es einige Tricks, dass ein Rauchmelder an Bord doch funktioniert, aber darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Spezialisten im Kontrollraum haben deshalb jederzeit alles im Blick. Sie können im Regelfall sofort sagen, wo genau sich ein Problem ereignet hat und mit der Crew schnell einen Lösungsweg besprechen. Jede Person hat ihren Aufgabenbereich – der oft ineinandergreift. Das gilt für alle Ebenen. So ist es auch bei den Astronaut:innen. Die Konflikte auf der Erde finden dort oben einfach nicht statt.

Danke Tom. Schön zu sehen, dass kein Platz für Ego ist, wenn Menschen sich ehrlich einer Sache verschrieben haben. Danke für die Einblicke!



Wer jetzt selbst mal in den Genuss einer Führung kommen möchte, kann das DLR im Süden und im Westen Deutschlands besuchen:  

Oberpfaffenhofen (südwestlich von München)
Jeden Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr gibt es kostenlos die Möglichkeit einen Blick hinter die Kulissen des Deutschen Raumfahrtkontrollzentrums zu werfen. Erfahrene Raumfahrtexperten bieten die Gelegenheit die Kontrollräume von der Brücke zu besichtigen und mehr über Raumfahrttechnologie, Satelliten-Missionen, astronautische Raumfahrt und die Internationale Raumstation (ISS) zu erfahren. Zur Anmeldung.

Köln
Hier kann das DLR dienstags bis freitags kostenlos besucht werden. Gut möglich dort ESA-Astronaut:innen beim Training zu treffen. Die Führungen dauern ca. 2,5 Stunden. Auf Wunsch kann die Führung auch in Englisch durchgeführt werden. Allerdings kann man nicht individuell, sondern nur als Gruppe mit mindestens 10 und maximal 28 Personen teilnehmen (Jugendlichen unter 16 Jahren ist leider keine Teilnahme gestattet – Ihnen wird ein Besuch im DLR_School_Lab empfohlen). Nach einer kurzen Übersicht präsentieren dort ausgebildete DLR-Gästeführer folgende Institute und Einrichtungen: DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, DLR-Institut für Solarforschung, Europäisches Astronautenzentrum (EAC), Nutzerzentrum für Weltraumexperimente (MUSC). Zur Anmeldung.

 

* Es gibt verschiedene Bezeichnungen für Raumfahrer:innen:  
Astronaut:innen sind Sternenfahrer:innen – zusammengesetzt aus den altgriechischen Worten für Sterne und Seefahrer. Kosmonaut:innen leitet sich aus dem altgriechischen Kosmos für Weltordnung, Weltall ab, während 宇航员 [宇航員] yǔhángyuán Raumfahrer:innen als Himmelsfahrer:innen beschreibt.